Der Primzahlsatz
Zusammenfassung. Die Primzahlzählfunktion gibt an, wie viele Primzahlen kleiner oder gleich sind. Der Primzahlsatz besagt . Wir stellen die Aussage und ihre Geschichte vor, skizzieren den kurzen analytischen Beweis von Newman und vergleichen die Näherungen und numerisch bis . Zum Schluss gehen wir auf den Zusammenhang zwischen dem Fehlerterm und der Riemannschen Vermutung ein.
1. Die Primzahlzählfunktion
Für sei . Seit Euklid ist bekannt, dass . Die Frage, wie schnell wächst, ist wesentlich schwieriger. Im Kleinen wirkt die Folge der Primzahlen regellos, im Großen zeigt jedoch ein erstaunlich glattes Verhalten (Abbildung 1).
2. Die Vermutungen von Gauß und Legendre
Gauß berichtete 1849 in einem Brief an Encke, er habe schon 1792 oder 1793 als Jugendlicher die Primzahlen in Intervallen der Länge 1000 gezählt und festgestellt, dass ihre Dichte in der Nähe von ungefähr beträgt. Das legt die Näherung durch den Integrallogarithmus nahe:
wobei das Integral wegen der Singularität bei als Cauchyscher Hauptwert zu verstehen ist. Legendre schlug 1798 unabhängig davon eine Näherung der Form vor und gab später an. Durch partielle Integration erhält man die asymptotische Entwicklung
insbesondere gilt .
3. Der Satz
Satz 1 (Primzahlsatz; Hadamard [2], de la Vallée Poussin [3], 1896). Es gilt
Gleichwertig sind und, für die -te Primzahl , die Aussage . Beide Beweise von 1896 stützen sich auf Riemanns Arbeit von 1859 [1], in der er die Zetafunktion
als Funktion einer komplexen Variablen untersuchte und meromorph auf ganz fortsetzte. Das Euler-Produkt auf der rechten Seite ist die Brücke zwischen Analysis und Primzahlen.
4. Beweisskizze nach Newman
Newman [6] fand 1980 einen bemerkenswert kurzen Beweis, den Zagier [7] in fünf Schritten darstellt. Sei die Tschebyschow-Funktion und .
- Die Funktion setzt sich holomorph auf fort.
- Es gilt . Das folgt elementar aus der Abschätzung des Binomialkoeffizienten , der durch alle Primzahlen zwischen und teilbar ist.
- Für ist , und ist holomorph auf . Das ist der Kern des Beweises: Auf der Geraden hat die Zetafunktion keine Nullstellen.
- Mit einem einfachen Taubersatz, den Newman über eine geschickte Wahl des Integrationswegs beweist, folgt daraus die Konvergenz des Integrals
- Aus der Konvergenz und der Monotonie von folgt . Wegen für jedes folgt daraus der Primzahlsatz.
Die eigentliche Tiefe des Satzes steckt also in Schritt 3: Die Primzahlen sind genau dann asymptotisch so dicht wie behauptet, wenn die Zetafunktion auf der Geraden nicht verschwindet.
5. Wie gut sind die Näherungen?
Die folgende Tabelle vergleicht mit beiden Näherungen. Die Werte bis wurden mit einem Sieb des Eratosthenes berechnet, die übrigen sind bekannte Literaturwerte; und sind auf ganze Zahlen gerundet.
| x | π(x) | x / ln x | li(x) |
|---|---|---|---|
| 10¹ | 4 | 4 | 6 |
| 10² | 25 | 22 | 30 |
| 10³ | 168 | 145 | 178 |
| 10⁴ | 1.229 | 1.086 | 1.246 |
| 10⁵ | 9.592 | 8.686 | 9.630 |
| 10⁶ | 78.498 | 72.382 | 78.628 |
| 10⁷ | 664.579 | 620.421 | 664.918 |
| 10⁸ | 5.761.455 | 5.428.681 | 5.762.209 |
| 10⁹ | 50.847.534 | 48.254.942 | 50.849.235 |
| 10¹⁰ | 455.052.511 | 434.294.482 | 455.055.615 |
Bei unterschätzt den wahren Wert um 4,6 %, während nur um 0,0007 % zu groß ist. Abbildung 2 zeigt die Quotienten über sechs Größenordnungen: Beide streben gegen 1, aber konvergiert quälend langsam – der relative Fehler fällt nur wie .
Für den Fehler bewies de la Vallée Poussin 1899 mit einer Konstanten . Eine viel stärkere Schranke ist gleichwertig zu einem der berühmtesten offenen Probleme der Mathematik:
Satz 2 (von Koch [4], 1901). Die Riemannsche Vermutung ist äquivalent zu
Die Nullstellen der Zetafunktion bestimmen also, wie weit die Primzahlen von ihrer „idealen“ Verteilung abweichen können.
6. Ist li(x) immer zu groß?
In allen bisher berechneten Fällen gilt , und auch Gauß ging davon aus. Littlewood [5] bewies 1914 jedoch, dass die Differenz unendlich oft das Vorzeichen wechselt. Sein Schüler Skewes zeigte 1933 unter Annahme der Riemannschen Vermutung, dass der erste Vorzeichenwechsel unterhalb von etwa liegt – lange eine der größten Zahlen, die je in einem Beweis eine Rolle spielten. Heute weiß man, dass der erste Wechsel unterhalb von etwa stattfindet [8]. Ihn direkt zu berechnen, liegt weit jenseits jeder Rechenkapazität. Das Beispiel zeigt eindrücklich, dass numerische Evidenz in der Zahlentheorie trügen kann.
Literatur
- B. Riemann: Ueber die Anzahl der Primzahlen unter einer gegebenen Grösse. Monatsberichte der Königlichen Preußischen Akademie der Wissenschaften zu Berlin, 1859.
- J. Hadamard: Sur la distribution des zéros de la fonction ζ(s) et ses conséquences arithmétiques. Bulletin de la Société Mathématique de France 24 (1896), 199–220.
- C.-J. de la Vallée Poussin: Recherches analytiques sur la théorie des nombres premiers. Annales de la Société scientifique de Bruxelles 20 (1896).
- H. von Koch: Sur la distribution des nombres premiers. Acta Mathematica 24 (1901), 159–182.
- J. E. Littlewood: Sur la distribution des nombres premiers. Comptes Rendus de l’Académie des Sciences 158 (1914), 1869–1872.
- D. J. Newman: Simple Analytic Proof of the Prime Number Theorem. American Mathematical Monthly 87 (1980), 693–696.
- D. Zagier: Newman’s Short Proof of the Prime Number Theorem. American Mathematical Monthly 104 (1997), 705–708.
- C. Bays, R. H. Hudson: A New Bound for the Smallest x with π(x) > li(x). Mathematics of Computation 69 (2000), 1285–1296.