Das Meer über dem Meer
Wer an einem Sommermorgen von der Nordküste Teneriffas zum Teide hinauffährt, fährt durch eine Wolke. Unten an der Küste ist es grau und feucht. Irgendwo oberhalb von tausend Metern wird es plötzlich hell, und dann liegt unter einem ein weißes Meer, so flach, als hätte jemand es mit dem Lineal gezogen. Auf den Kanaren heißt es mar de nubes, das Wolkenmeer.
Der Passat und sein Deckel
Die Kanarischen Inseln liegen im Gürtel des Nordostpassats. Dieser Wind weht fast das ganze Jahr über aus Nordosten und streicht dabei über Hunderte Kilometer kühlen Atlantik. Die unterste Luftschicht nimmt Feuchtigkeit auf und bleibt dabei vergleichsweise kühl.
Darüber liegt ganz andere Luft. In den Subtropen sinkt Luft großräumig ab – sie gehört zu einer gewaltigen Zirkulation, die am Äquator aufsteigt und hier wieder herunterkommt. Absinkende Luft wird zusammengedrückt und erwärmt sich dabei. Sie ist warm und sehr trocken.
So entsteht eine Inversion: Statt wie gewohnt mit der Höhe kälter zu werden, wird es oberhalb einer bestimmten Grenze wärmer. Die warme Luft oben wirkt wie ein Deckel. Wenn die feuchte Passatluft an den Nordhängen Teneriffas aufsteigt, kühlt sie ab, und es bilden sich Wolken. Höher als bis zur Inversion kommen sie aber nicht. Sie stauen sich darunter und breiten sich zu dieser erstaunlich glatten Oberfläche aus.
Zwei Inseln in einer
Der Deckel teilt Teneriffa in zwei Welten. Der Norden, an dem sich die Wolken stauen, ist grün. Im Anaga-Gebirge wächst einer der letzten Lorbeerwälder, ein Überbleibsel jener Wälder, die vor Millionen von Jahren weite Teile rund ums Mittelmeer bedeckten. Der Süden liegt im Regenschatten: trocken, karg und sonnig. Nicht zufällig stehen dort die meisten Hotels.
Die Wälder im Norden leben dabei nicht nur vom Regen. Die Nadeln der Kanarischen Kiefer und die Blätter im Lorbeerwald kämmen winzige Tröpfchen direkt aus den Wolken, die dann zu Boden tropfen. Dieser Nebelniederschlag kann an manchen Stellen mehr Wasser liefern als der Regen selbst.
Auf der Nachbarinsel El Hierro wurde ein einzelner Baum dafür sogar verehrt. Der Garoé, ein heiliger Baum der Ureinwohner, sammelte so viel Wasser aus dem Nebel, dass er Menschen und Vieh versorgte. 1610 stürzte er in einem Sturm um. Heute steht an seiner Stelle ein nachgepflanzter Baum derselben Art.
Über den Wolken
Oberhalb der Inversion ist alles anders. In der Caldera von Las Cañadas auf über 2.000 Metern ist die Luft trocken und klar, der Himmel tiefblau. Darüber ragt der Teide auf, mit 3.715 Metern der höchste Berg Spaniens.

Genau diese ruhige, trockene Luft macht die Höhen der Kanaren zu einem der besten Orte der Welt für Astronomie. Am Observatorio del Teide auf knapp 2.400 Metern stehen vor allem Sonnenteleskope, auf der Nachbarinsel La Palma eines der größten optischen Teleskope der Welt. Das Wolkenmeer hält Feuchtigkeit, Staub und das Licht der Küstenorte unter sich.
Das Wolkenmeer ist also weder Zufall noch einfach schönes Wetter. Es ist die sichtbare Grenze zwischen zwei Luftmassen – und auf Teneriffa kann man an einem einzigen Vormittag durch sie hindurchfahren.